Die Tage werden kürzer, die Abende kühler und irgendwann verschwindet die letzte Flasche Rosé wieder aus dem Kühlschrank. Der Herbst ist da – und damit beginnt für viele auch wieder die klassische Rotweinzeit. Dabei hatte es Rotwein zuletzt gar nicht so leicht. Seit Jahren lesen wir von sinkendem Weinkonsum, einer Generation, die weniger Alkohol trinkt, und davon, dass vor allem Rotwein an Boden verliert. Tatsächlich ist der weltweite Weinkonsum rückläufig. Betrachtet man allerdings den heimischen Markt genauer, wird der Teufel wieder einmal größer an die Wand gemalt, als die Wand eigentlich ist.
neue Lebensgewohnheiten spielen dabei ebenso eine Rolle wie eine Verschiebung hin zum Weißwein.
Vielleicht hat Rotwein aber auch ein kleines Imageproblem? In den vergangenen Jahrzehnten wurde gerne auf kräftige Cuvées, viel Holz und ordentlich Alkohol gesetzt. 14 % vol. und mehr, dazu Extraktion und Barrique – von leichtem, frischem und muntermachendem Rotwein konnte da nicht immer die Rede sein. Genau dieser Stil passt heute für viele nicht mehr ins Bild.
Dabei kann Rotwein ganz anders. Pinot Noir und St. Laurent könnten mit ihrer Eleganz den Puls der Zeit hervorragend treffen. Und dann wäre da natürlich noch der Blaufränkisch. Nicht immer der „Prince Charming“ unter den Rebsorten, mit seiner lebendigen Säure und seinem manchmal kantigem Tannin. Gleichzeitig gibt es vermutlich so viel gute Blaufränkisch wie noch nie. Wenn Österreich eine echte Identität beim Rotwein besitzt, dann muss sie wohl Blaufränkisch heißen. Die deutsche Wein-Influencerin Louisa Maria Schmidt (Instagram: bringflavorhome) hat es einmal wunderbar formuliert: „Blaufränkisch macht nicht müde!“
Und genau darum geht es. Diverse Rebsorten wie Cabernet Franc, Gamay, Nebbiolo, Pinot Noir, St. Laurent und eben Blaufränkisch zeigen, wie leichtfüßig Rotwein sein kann. Sanfte Extraktion, moderater Alkohol, feine Tannine und lebendige Säure sorgen dafür, dass ein Wein nicht sättigt, sondern Lust auf den nächsten Schluck macht. Gute Winzer:innen setzen heute zunehmend auf schonende Weinbereitung und Eleganz statt schierer Kraft. Herkunft, Frucht und Balance sollen die Qualität bestimmen – nicht Holz und Extraktion.
Und dann wäre da noch ein hartnäckiges Missverständnis: Rotwein trinkt man bei Zimmertemperatur. Das ist in der Weinszene schon lange Schnee von gestern. Bei 23 oder 24 Grad schmecken die wenigsten Rotweine wirklich gut. Gerade leichtere Exemplare profitieren enorm davon, etwas kühler ins Glas zu kommen. 14 bis 16 Grad sind für Pinot Noir, Gamay, Cabernet Franc oder Blaufränkisch ein guter Ausgangspunkt. Im Zweifel die Flasche für 20 bis 30 Minuten in den Kühlschrank stellen. Die Frucht wird präziser, der Wein saftiger und der Alkohol rückt in den Hintergrund.
Vielleicht ist der rückläufige Weinkonsum deshalb gar nicht nur eine schlechte Nachricht. Niemand braucht die Zeiten zurück, in denen Wein in groben Mengen und überschaubaren Qualitäten konsumiert wurde. Weniger, dafür besser und bewusster trinken lautet die wesentlich sympathischere Devise. Rotwein hat viel mehr zu bieten als niederknüppelnde Kraft, Holznoten wie beim Eintritt in eine Tischlerei und dieses wärmend-brandige Gefühl von zu viel Alkohol.
Der Herbst ist die perfekte Gelegenheit, das auszuprobieren: Pinot Noir zu Pilzen, Langhe Nebbiolo zur Jause oder einen leicht gekühlten Blaufränkisch zum Wildbret. Kulinarisch und weintechnisch steht uns eine wunderbare Jahreszeit bevor. Und wer den Keller dafür noch ein wenig auffüllen möchte - wir haben alles auf Lager was das Weinherz begehrt – hier drei Vorschläge:
Georg Prieler – Blaufränkisch Ried Pratschweingarten 2022 | € 32,–
Warme Winde vom Neusiedlersee treffen hier auf kühlen Kalkboden. Dunkle Beeren, Zwetschke, Pfeffer und feine Würze. Kraftvoll und gleichzeitig elegant, mit toller Struktur und Länge. Großartig zu Hirsch und Reh, aber auch zu Kürbis und Pilzen.
Domaine Rapet Père et Fils – Pernand-Vergelesses 1er Cru Les Vergelesses 2024 | € 59,–
Eleganter Premier Cru aus dem Burgund: rote Kirschen und Himbeeren, feine Würze und erdige Noten. Lebendige Säure, seidige Tannine und ein langer, harmonischer Abgang. Pinot Noir mit Finesse und Tiefe – perfekt zu Kalbsbäckle oder einem klassischen Bœuf bourguignon.
L. Pira – Langhe Nebbiolo DOC 2024 | € 23,–
Typisch granatrot, mit hellen Beeren, Gewürzen, Waldboden, etwas Leder und erdiger Würze. Griffiges Tannin, erfrischende Säure und ein saftiges, trinkfreudiges Finish. Traditionell und zeitlos. Dazu Tajarin mit frischem Trüffel – oder eigentlich fast alles, was im Herbst aus Wald und Küche kommt.
Dieser Blog erscheint auch als Artikel im Boardmagazin "Pause" der Peoples Airline - natürlich in der Herbstausgabe 2026 :)