Wenn Winzer einander besuchen, geht es nie nur um Wein. Es geht um Herkunft, Klima und die Frage, wie Stil entsteht. Als die Grabenwerkstatt bei Kureks Weinbar Pi in Nonnenhorn zu Gast war, wurde genau dieser Dialog greifbar – zwischen Bodensee und Wachau, zwischen Wasser und Fels, zwischen Gegenwart und Tradition.
Klima als Charakterfrage
Der Bodensee ist keine Randnotiz im Glas. Mit rund 1.200 mm Niederschlag und mehr pro Jahr prägt er seine Umgebung massiv. Üppige Vegetation, saftige Böden, lange Reifeperioden – das Klima ist mild, aber feucht.
Die Wachau hingegen kommt im Schnitt mit etwa der Hälfte dieser Niederschlagsmenge aus. Trockenere Bedingungen, karge Böden, große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Zwei Extreme – und genau daraus entstehen zwei sehr unterschiedliche Handschriften.
Umrahmt von einer klassischen Heurigenjause – Brot, Speck, Käse, Liptauer, eingelegtes Gemüse – wurde diese klimatische Gegensätzlichkeit sensorisch erfahrbar gemacht.
Wachau wie früher gedacht
Der Stil der Grabenwerkstatt ist bewusst kein lauter. Er orientiert sich vielmehr an einer Wachau, wie sie viele aus den 1970er-Jahren beschreiben: geradlinig, kühl, präzise, ohne Botrytis-Einfluss, mit moderatem Alkohol und klarer Herkunftsprägung.
Der opulentere, kraftvollere Stil der 1990er-Jahre, der die Wachau international berühmt gemacht hat – reif, dicht, mit teils spürbarer Edelfäule und hoher Extraktion – ist historisch gesehen nicht der „alte“ Stil, sondern eine Phase der Modernisierung und Marktanpassung. Nach dem Weinskandal von 1985 musste man sich schliesslich irgendwie bemerkbar machen. Üppige Weine mit Alkohol und teilweise viel Holz war eine logische Reaktion der Winzer:innen auf diese Herausforderung.
Die Grabenwerkstatt versteht sich eher als Rückbesinnung: Spannung statt Wucht, Mineralik statt Opulenz.
Jahrgangstiefe im Glas
Den Auftakt machte der Wachauwerk Grüner Veltliner 2021 – straff, würzig, klar definiert.
Der Schön Grüner Veltliner Smaragd 2020 (noch unter der damaligen Smaragd-Klassifikation) zeigte Reife und Druck, ohne seine kühle Linie zu verlieren. Daneben der Ried Schön Grüner Veltliner 2021, fokussierter, salzig, mit feiner Phenolik.
Bei den Rieslingen wurde die Lagenhandschrift besonders deutlich:
Der Kalkofen Riesling Smaragd 2020 mit Tiefe und Struktur, der Ried Kalkofen Riesling 2021 präziser und steiniger.
Mit Ried Trenning Riesling 2023 und Ried Bruck Riesling 2023 spannte sich der Bogen zu den jungen Jahrgängen – kristallin, vibrierend, mit jener kühlen Klarheit, die das Reifepotenzial erahnen lässt. Große Weine links und rechts im Glas.
Gerade im Vergleich gereifter und aktueller Jahrgänge zeigte sich: Diese Weine sind nicht zum sofortigen Konsum gedacht, sondern brauchen Zeit um sich voll entfalten zu können.
Bodensee als Resonanzraum
Von Gastgeberseite brachte Jonas Kurek zwei Weine ins Spiel:
Der Nonnenhorner Blanc 2024 – frisch, saftig, geprägt vom wasserreichen Klima.
Der Sonnenbichl Chardonnay 2023 – strukturiert, mit feiner Holznote und Balance zwischen Kraft und Eleganz.
Hier wurde der Unterschied besonders greifbar: Während die Wachau mit Trockenheit und karger Spannung arbeitet, liefert der Bodensee mit seinem hohen Niederschlag andere Voraussetzungen – mehr Saftigkeit, andere Textur, eine eigene Form von Weite.
Austausch statt Inszenierung
Solche Abende sind keine Show. Sie sind Werkstattgespräche. Es wird diskutiert über Lesezeitpunkte, über physiologische Reife, über Alkoholgrade und Marktmechanismen. Über Tradition – und darüber, was „ursprünglich“ eigentlich bedeutet.
Zwischen Wachau und Bodensee entstand kein Wettbewerb, sondern ein Dialog. Zwei Regionen, zwei Klimata, zwei Stile – verbunden durch denselben Anspruch: Herkunft ins Glas zu bringen.
Alle verkosteten Weine von Jonas Kurek und der Grabenwerkstatt sind im Online-Shop von Weinstein Finewineerhältlich. Wer den Unterschied zwischen 1.200 Millimetern Niederschlag und steiniger Trockenheit selbst erleben möchte, findet dort die passende Gelegenheit.